" Hier gibts Rosenwasser: Vom Loslassen - Teil 1

Vom Loslassen - Teil 1


Wer Leben ins Leben bringen will, 
muss das Festhalten-Wollen aufgeben.
[Ernst Ferstl]

Der Herzkater lässt mich immer wieder aufs Neue das Loslassen üben.
Lange Zeit war er ja ein Haustierchen. Seit er in der freien Natur wildern darf, entwickelt er sich täglich mehr und mehr zum artgerechten Räuber.
Die Vögel in diesem Örtchen haben nichts mehr zu lachen und Nachbars Kätzin benötigt wohl in Bälde eine Erholungskur, so wie dieser Frechdachs ihr zusetzt.
In den heimischen vier Wänden lässt er nach wie vor ganz und gar den Schmusi raushängen und so mag ich mir gar nicht vorstellen, was oder wen er dort draußen zerreißt und zerfleischt.
Jeden Abend jedoch beharre ich darauf, dass er den Weg brav nach Hause einschlägt und ruhiges Einschlummern ist mir erst dann möglich, wenn alle Schäfchen wieder da sind.
Aber nun. Die Katz ist eine Katz. Und es kommt vor, dass sie sich um meine Bedürfnisse einen feuchten Kehricht schert und ganze Nächte lang unterwegs ist.
Ihn dann erneut ziehen zu lassen, das fällt mir manches mal nicht leicht.
Da ist immer die Sorge und die Erfahrung, dass der große Räuber ein ebenso großes Trottelchen sein kann und die Hürden dieser Welt nicht richtig abzuschätzen weiß.

Wenn ich also wieder einmal mit mir hadere, stelle ich mir vor ein Gespräch mit ihm zu führen, das wie folgt ablaufen würde:

Ich: "Liebes Paulchen, komm doch mal bitte kurz zu mir, ich muss dir da mal etwas sagen."
Paulchen: (schon an der Katzenklappe scharrend) "schnell, schnell, raus raus..."

Ich: "Du kannst dich jeden Tag aufs Neue entscheiden.
Bevor du das aber tust, überlege bitte genau.
Zum Einen hast du nun die Möglichkeit dort draußen umherzustreifen.
Allerdings gehen damit viele Gefahren einher, vor denen ich dich nicht beschützen kann. Vor faulen Mäusen. Zufallenden Garagentoren, tückischen und lebensgefährlichen Autos und Menschen, die dir nichts gutes wollen.
All diesen Gefährdungen wirst du dich da draußen immer wieder aussetzen müssen und womöglich endet ein kleiner, netter Ausflug mal wieder in der Tierklinik.

Zum Anderen könntest du hier im trauten, kuscheligen Heime aufgehoben und sicher deinem Katzenleben  frönen. Bei bestem Futter und unzähligen Streicheleinheiten hättest du vermutlich ein längeres Leben bei bester Gesundheit. Du könntest deinen Katzenhintern gemütlichst auf das Sofa betten, während wir dich zum Zeitvertreib bespaßen und..."

... und bevor ich meinen letzen Satz ausgesprochen hätte, würden die kleinen, flinken Pfötchen die Treppe zum Garten hinunter schnellen und mit einem beherzten Satz wäre er hinter der nächsten Hecke verschwunden.

So übe ich also das Loslassen und bin guter Dinge. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dass es mir auch zugute kommen wird, wenn das Mausekind in wenigen Tagen das Abenteuer Krippe antritt.



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