" Hier gibts Rosenwasser: Grenzenlos und popelfrei

Grenzenlos und popelfrei

In unserer Kita herrscht Zucht und Ordnung!!! Das gilt zumindest für die Erzieher. Wir ErzieherInnen 
sind immer nett und freundlich, fröhlich, bemüht, motiviert, stress- und lärmresistent, einfühlsam, flexibel, belastbar und zu allem bereit, angetan von allen kindlichen Taten, Äußerungen und Ausscheidungen, sowie stets vorurteilsfrei bei der Bildung und Erziehung der lieben Kleinen. Jedenfalls wird dies von uns erwartet.
Regelmäßig stattfindende Fort- und Weiterbildungen zu diesen Themen lassen uns stets auf neue, 
erfrischende Weise erkennen, was wir noch so alles falsch machen und anders machen müssen, um 
Eltern und Kindern keine weiteren Traumata zuzufügen und unsere so gar nicht wertschätzenden 
Kontakte zu unserer Klientel deutlich zu überarbeiten

Hier ein paar Beispiele aus der Praxis: 

Frau Meier (alle Namen geändert, Anm.d.Red.) ist eine sehr besorgte Mutter, die ihre Kinder aus Überzeugung demokratisch erzieht. So entscheidet denn auch der 4-jährige 
Michael über alle wesentlichen Belange, die ihn und sein Leben betreffen. Frau Meier 
diskutiert stets ausführlich mit ihm, was er anziehen möchte, wann er abgeholt werden 
möchte, ob er 3 Stufen der Treppe links, 3 Stufen der Treppe rechts und die nächsten Stufen 
dann wieder links hinuntergehen möchte, oder – was in letzter Zeit häufiger vorkommt – ob 
er gar nicht gehen möchte. Seine Motive werden sorgfältig ergründet und seine Argumente 
evaluiert. 
Wenn Michael, verzweifelt nach Orientierung suchend, Schreikrämpfe und Wutanfälle 
bekommt und auf alle Anwesenden körperlich losgeht, spricht Frau Meier mit sanftem 
Stimmchen beruhigend auf ihn ein. In der Regel dauert dieses Zeremoniell beim Abholen 
eine Dreiviertelstunde. In letzter Zeit überzeugte Michael seine Mutter jedoch immer 
häufiger, dass er länger in der Kita bleiben wolle und sie später wiederkommen solle. Dies 
wiederholte sich auch heute noch 2 Mal. Beim 3. Mal jedoch - eine Zumutung für Eltern, 
dass Kitas Schließzeiten haben! – war es nun an Frau Meier, Michael zu überzeugen. Alles 
sanfte Umschmeicheln mit Versprechungen, die leckere Ökoschokolade oder das tolle 
Holzxylophon heute noch zu kaufen, ihm rosa Nagellack aufzutragen, damit der Junge seine 
Geschlechterrolle frei und ohne Dogmen entfalten konnte, usw. halfen nichts. Michael 
wollte nicht. Das hatte man zu akzeptieren. 
„War denn heute was? Hat ihn jemand geärgert?“ fragte Frau Meier besorgt die 
Erzieherin. „Nein, eigentlich nichts Besonderes. Michael hatte sich vorhin mit Torsten
gestritten und ihn mehrfach gehauen. Aber das haben wir schon mit den beiden geklärt.“
„Hm.“ Und an Michael gewandt: „Sag doch, Liebling, wer hat dir denn etwas getan?“ Michael 
reagierte nicht. Er rannte weiter durch die Kita, brüllend, die Kinder schubsend und mit 
heruntergelassener Hose. Frau Meier lief seit 40 Minuten hinter ihm her, in Hut und Mantel, das jüngere Geschwisterkind auf dem Arm. 
„Frau Meier, ich möchte an unser Elterngespräch von neulich erinnern. Es wäre wirklich
wichtig, dass Sie Michael gegenüber deutlich machen, dass Sie jetzt mit ihm gehen möchten. 
Soll ich ihm vielleicht schon einmal beim Anziehen helfen?“ fragte meine Kollegin. Ein 
hastiges „Nein, nein, danke.“ 
Frau Meier versuchte erneut, sich Michael zu nähern. Der rannte an ihr vorbei, schnappte 
sich ihr Bein und umschlang es fest. Der kleine Michael ist schon ein recht kräftiger Bursche 
geworden. Frau Meier, unvorbereitet und noch in vollem Tempo, wäre fast gefallen. Ihr
Gesicht wurde hochrot. Nur nicht laut werden, schien sie zu denken. Jedenfalls äußerte sie 
derlei Gedanken häufig in Elterngesprächen. Füge deinem Kind keine Traumata zu, es sucht
sich seine Grenzen selbst und reguliert sich ganz von allein. 
Die Grenze, die Michael soeben gesetzt hatte, überraschte Frau Meier jedoch offensichtlich. 
Sie versuchte, sich sanft und ohne Worte aus Michaels Griff zu lösen. Er ließ los, jedoch nur
um erneut Anlauf zu nehmen und zuzupacken. Diesmal fester. Und er ließ nicht mehr los. Es 
tat einen Schlag. Frau Meier konnte den Sturz gerade noch abfangen und sich und ihr Baby 
retten. Wieder versuchte sie sich aus der Umklammerung zu lösen. Michael hielt jedoch 
fest. Es gelang seiner Mutter, ein paar Schritte zu gehen, indem sie ihn am Bein hinter sich 
her schleifte. Immer noch war sie standhaft geblieben und hatte es geschafft, ihn nicht zu 
maßregeln. 
Michael brüllte immer lauter, seine Hose rutschte immer tiefer und Frau Meier hatte 
zusehends mehr Mühe, ihren Sohn mit sich zur Tür zu bitten. Plötzlich änderte sich etwas – 
ihr Gesicht wurde vom Zorn verzogen. Ebenso orientierungslos wie ihr Sohn blieb sie stehen
und trat nach ihm. Mehrfach. Bis er los ließ. Sie schaute nicht hin, sah nicht, wo sie ihn traf. 
Doch ihm eine verbale Grenze zu setzen, hatte sie bisher zum Glück immer noch vermeiden 
können. Frau Meier stampfte zur Tür hinaus, Michael schreiend hinterher… 

Rita ist ein lebendiges kleines Mädchen. Vor ca. einem halben Jahr ist sie aus der Krippe in 
unseren Elementarbereich gekommen und hat sich schon gut eingelebt. In ein paar Wochen 
wird sie 4 Jahre alt. Rita ist ein sehr willensstarkes Kind, sie weiß stets was sie will und wie 
sie dies durchsetzt. „Rita, pass auf, das tut der Emma doch weh, wenn du ihr mit der Schippe 
auf den Kopf haust!“ „Rita, nicht an Karolas Pulli reißen, der geht doch kaputt!“ „Rita, nein 
schüttel deine Haare mal bitte nicht so doll über der Suppenschüssel, die anderen Kinder 
wollen bestimmt keine Suppe mit Haaren essen.“ „Rita, wenn du satt bist, darfst du deinen 
Teller abräumen. Das Essen brauchst du bitte nicht auf den Tisch zu schmieren.“ „Nein, bitte 
fass mir nicht so oft ins Gesicht, ich möchte das nicht.“ usw. 
So war es bereits den ganzen Vormittag gegangen. Rita hatte eine ganz einfache Strategie, 
mit den Äußerungen der ErzieherInnen und anderen Kinder umzugehen – sie ignorierte sie 
einfach und grinste. Dann machte sie weiter, was sie gerade tat. 
Mein Kollege mischte sich nun ein: „Rita, och komm mal her, meine Süße! Das ist ja auch 
blöd, nichts darf man.“ Er nahm sie in den Arm und herzte sie. Unter seiner Armbeuge hervor 
schaute sie mich an und grinste sehr zufrieden. Der Kollege grinste ebenfalls und sagte ganz 
enthusiastisch: „Ach, ich liebe solche selbstbewussten Superkinder!“ Ich teilte ihm später 
unter 4 Augen mit, er könne sich Rita von mir aus gern sauer einlegen.
Einige Tage später saß besagter Kollege am Boden und las den Kindern eine Geschichte 
vor. Er schien damit auch Ritas Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Ungestüm näherte sie 
sich ihm, drängelte die anderen Kinder beiseite, sprang grob auf seinen Schoß, stieß das 
Buch hinunter, streckte ihre Zunge heraus und leckte dem Kollegen herzhaft einmal quer 
über das Gesicht. Wieder grinste sie. Es ging so schnell, dass der Kollege wohl gar nicht 
hatte reagieren können. In dem Moment wurde mir bewusst: Es gibt Tage, da liebe auch ich 
solche „selbstbewussten Superkinder“…. 

Es ist Weihnachtszeit. Wir backen Plätzchen. Vorab erklären wir den Kindern, dass wir 
gleich den Teig kneten und die Plätzchen ausstechen werden, und uns daher nun mit Wasser 
und Seife gründlich die Hände waschen. Mit gutem Beispiel gehen wir voran. 
„Wenn ihr eure Hände gewaschen habt, steckt sie bitte nicht mehr in den Mund, die Nase 
oder die Hose. Die anderen Leute wollen nicht eure Pipi oder Popel usw. essen“ kläre ich 
die Kinder auf. Wir setzen uns an den Tisch. Aurelia steckt ihre ganze rechte Hand in den 
Mund, lutscht daran herum und grapscht dann beherzt in den Teig. Dabei zieht sie einige 
Spuckefäden an der Hand hinterher. Macht nichts, ich mag doch Kinder, denke ich noch 
und sage: „Aurelia, geh dir jetzt bitte noch einmal die Hände waschen.“ Beleidigt guckt sie 
mich an und zieht nach kurzem Protest-Warten bockig von dannen. Währenddessen popelt 
Augustin in seinem Luxusnäschen und verziert die bereits ausgestochenen Plätzchen mit 
seinen Fingern. Auch ihn schicken meine Kollegin und ich freundlich aber bestimmt noch 
einmal zum Händewaschen. 
Nach anderthalb Stunden, einigen aussortierten Plätzchen, ein paar Nerven weniger und ein 
paar grauen Haaren mehr, haben wir die Plätzchen endlich fertig. Wir möchten gern teilen 
und auch unserer Leiterin und unserer Sekretärin ein paar davon bescheren. Aurelia und 
Augustin tragen den kleinen Teller mit den Plätzchen stolz vor sich her ins Büro. Ich schleiche 
hinterher und raune der Sekretärin leise zu: „Die sind garantiert popelfrei!“

Kommentare:

  1. "...oder - was in letzter Zeit häufiger vorkommt - ob er gar nicht gehen möchte". Jule, ich habe mich bestens amüsiert und schaue gern wieder vorbei. Herzlich: Anne

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  2. Hahaha...hihi...lach... grins.... dein Post ist super!!! Sehr gut und stilvoll geschrieben!! Ein echter Lesegenuss!
    Ich hab dich über Brigitte Mom Blogs gefunden und bleib als neue Leserin, denn ich bin schon gespannt auf Weiteres von dir!!!
    Lass dich herzlich grüßen!!
    SAndra

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  3. Danke für eure lieben Worte! Freut mich, dass ihr Spaß beim Lesen habt. Fortsetzung folgt... :-)
    Herzliche Grüße,
    Aurelia

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  4. Hallo Aurelia, auch ich fand es sehr amüsant und echt gut geschrieben. Den Blog merk ich mir ;-)
    Lieben Gruß,
    Wiebke

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  5. Ja, diese Mütter und kinder kenne ich und da könnte ich ja .....!!!!!

    Zu einer befreundeten Mutter die inzw. hilflos vor einer fast 8 jährigen steht und dann zu mir sagt: "Ja, was soll ich denn machen?" Erwidere ich dann, zwei Wochen bei mir und sie würde das nicht mehr tun.
    Dieses Mädchen isst jetzt jeden Montag nach der schule bei uns. Sie hat gerlernt, dass es bei mir weder rülpsen, noch, schmatzen oder pupsen bei Tisch gibt (muss ich ja aufpassen, dass meine kleine Tochter mit Down syndrom sich so einen Mist nicht abschaut) auch hat sie gelernt, dass es bei mir null zieht, wenn sie bei den Hausaufgaben heult. Pffft, heulen kann man wenn etwas weh tut oder man traurig ist, nicht weil man keine Lust hat eine Geschichte laut zu lesen. Ist sie frech zu mir, dann drohe ich ihr mit rotem Gemüse am nächsten Montag und so haben wir unseren weg gefunden, zu Hause schmatzt und rülps sie weiter, kein wunder wenn es nir rotes Gemüse als strafe gibt :D
    LG
    Martina (die strengste Mutter der Welt *loool*)

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  6. Liebe Martina - "strengste Mutter der Welt" - haha,
    es freut mich, dass es andere gibt, die das auch kennen und Grenzen als Sicherheit und Orientierung für die Entwicklung der "lieben Kleinen" für wichtig halten, auch um sich selbst keine kleinen Tyrannen heranzuziehen.
    Ich glaube genau wie du, dass Hausaufgaben machen, lesen und dergleichen nicht weh tun. Vielmehr tut es weh, wenn die Kinder irgendwann später merken, dass sie überall anecken, weil kaum einer es noch lustig oder "süß" findet, wenn ein 16-jähriger am Tisch noch herzhaft rülpst und furzt, wenn er nicht weiß, dass er "Guten Tag" oder ähnliches vor einem Bewerbungsgespräch sagen und dort nicht die Füße auf den Tisch vor den Chef hinlegen sollte, oder er auf Hartz IV angewiesen ist, weil die Hausaufgaben ja immer "so weh" getan haben....
    Danke für deinen kleinen Bericht - super! :-)
    Herzliche Grüße, Aurelia

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